Fraktale 13
 
 
Eine Reise zur neuen Musik
Dr. Pingels Reise von Witten über Darmstadt nach Donaueschingen
 
In diesem Kapitel geht es nicht so sehr um die Musik in der neuen Musik, sondern um das Prätentiöse ihrer Titel. So heißt z.B. beim WDR eine Hörspielreihe in WDR 1 (auch dieser Sender heißt ja 1Live ) „Wolfsmilch und Königswasser“, die Künstlerin Tina Juretzek aus Mülheim an der Ruhr stellt ihre Werke unter das Thema „Brechende Räume“ (nein, nein, nicht „Besucher“). Durchbrochene Räume gibt es in der neuen Musik auch jede Menge, ja, die Neue Musik hat praktisch nur solche Titel.
Die Titel verdanke ich dem WDR-Programmheft und den WERGO-Katalogen.
Alles, was unterstrichen ist, ist ein Originaltitel. Um den Schreibfluss nicht zu unterbrechen, sind die Komponisten meist nicht genannt.
 
1. Witten
Eine Reise zur Neuen Musik beginnt bei den Kammermusiktagen in Witten.
Das Konzert beginnt. Dr. Pingel sieht 20 alte Plattenspieler auf der Bühne. 13 maskierte Männer stürmen den Saal und bringen sie weg. Im Programmheft lese ich: Dieb 13 Witten, playback für turntables, performance 2. Wo mögen die damit hin sein? Wahrscheinlich handelt es sich hier um eine Flucht im Gewölbe für Viola und digitale Raumsimulation.
Im Programm lese ich eine Ankündigung über Th.W. Adorno. Einer seiner Schüler hat ein von ihm komponiertes Lied entdeckt, für Singstimme und Klavier, auch den Text hat er selbst gedichtet: „Was streckt dort auf dem Wagen/ den langen Rüssel raus?/Es ist ein Mammut,/ es ist ein Mammut/ und es fährt nach Haus.“
Warum hat Fischer – Dieskau das nie gesungen?
 
Doch erst mal ist Pause, die ich zur Flucht nutze. Ich komme noch am Saal für Kinderbetreuung vorbei, wo jedes Kind  Drei Hände voll Sand dazu nimmt, um einen staubigen Klang zu finden. Ein Junge singt und 5 Instrumente spielen dazu. Ich erkenne Senfkorn, für Knabensopran und 5 Instrumente von Klaus Huber.
 
2. Essen-Werden (Fokwang-Hochschule)
 
Die Musikhochschule hat jede Menge Bautrupps in ihren Mauern, denn in der Woche vorher hatte es drei gebäudeschädigende Konzerte gegeben, ausgeführt von Studenten: Durchbrochene Räume, Leuchtungen und Raumstörungen.
Die Bahnfahrt nach Düsseldorf benutze ich dazu, in dem Buch „Klangfiguren“ von Adorno zu lesen. Da sagt doch der Klappentext: „Adornos Vermögen produktiven
Vorausdenkens in der Musik ist dem zu vergleichen, was Guillaume Apollinaire für die französische Dichtung und Malerei leistete. Dabei werden nirgends selbstherrlich und willkürlich Parolen ausgegeben, sondern die Perspektiven öffnen sich  der Analyse dessen, wohin die Sache von sich aus treibt, und der Erkenntnis von Funktion und Problematik der Musik in der gegenwärtigen Gesellschaft. Zwei Dinge kommen mir dabei in den Sinn: 1. was für ein Gesülze! 2. Hier werden wahrscheinlich sehr viele Parolen ausgegeben, und wahrscheinlich besonders selbstherrliche.
Ja, und wer hat diesen Klappentext verfasst? Ich falle vom Stuhl: Adorno selbst!
 
Ich greife zur Rheinischen Post („Rheinische Pest“), Zeitung für Düsseldorf. Dort ist ein Konzert mit Neuer Musik angekündigt, wozu der berühmte Musikkritiker Hermann Unterstöger bemerkt:
 
 
 
Ich greife mir einen New Yorker und lese einen Artikel von Alex Ross, dem Musikkritiker, über den „Godfather der deutschen Nachkriegsmusik“, Theodor
Wiesengrund Adorno.
 
 
 
Sehr interessant, was er über Hitler und die Musik schreibt
 
 
3. Köln
In Düsseldorf steige ich um nach Köln, denn ich bin mit einem Redakteur des WDR verabredet. Ich sage zu ihm: “bitte sagen Sie mir Ihren Namen noch einmal, ich habe ihn bei der Vorstellung nicht deutlich verstanden:“ Frank Hilberg lacht und meint: „Ja, das kenne ich, das ist aus der Dokumentaroper „Irrenoffensive“ von Helmut Oehring“. Im Laufe des Gesprächs meint er, „dass die Neue Musik von heute die Klassik von morgen sei“. Dem kann ich nicht zustimmen, denn das größte Problem eines Werkes der Neuen Musik ist nicht die erste, sondern die zweite Aufführung, weil die praktisch nie stattfindet. Ich zitiere Alex Ross:
 
 
Mit diesem Argument ist er nicht einverstanden, sodass ich noch ein Argument hinterherschleudere:
    
 
 
Am Ende des Gesprächs erzähle ich ihm, dass Jost Schenck, ein anerkannter Kenner der neuen Musik, glaubt, dass Stockhausen schon lange tot sei. Das verneint er vehement, obwohl er zugibt, dass Musikfreunde eine erkleckliche Summe gesammelt hätten, um K.H. Stockhausen auf den Mond zu schießen (ohne Rückfahrkarte).
Ich verabschiede mich mit meiner Lieblingsplatitüde über das Prätentiöse der Neuen Musik, indem ich wieder Alex Ross zitiere:
 
 
 
 
Anschließend führt mich der Redakteur durch den Sender. Auch hier überall Baustellen. Wieder sind es durchbrochene Räume (Günter Steinke), Wand für Ensemble (Enno Poppe), ein Arbeiter hält uns eine Schraubdichtung von Carla Bauckholt entgegen. Irgendwo klingen reichlich laut vier Trompeten und ich erfahre verblüfft, dass es Geträumte Räume für 4 Trompeten  und  windgeboren für 4 Trompeten ist. Ich horche an einer Wand, da gibt es Stimmen inmitten der Wand (Juliane Klein).
In einem kleinen Saal ist ein Tanzfest, wozu mir nur Harry Rowohlt einfällt: “ `Das sieht ja sehr verlockend aus`, denkt man sich, wenn man lauter fremde Herrschaften zu atonaler Musik tanzen sieht; `da geh ich, glaub ich, nicht hin`“
 
 
4. Flughafen Köln-Wahn
 
In der Empfangshalle spielt gerade das Thürmchen-Ensemble Carola Bauckholts Stück „Treibstoff“.
30 Minuten später steigen vier Helikopter auf, in jedem sitzt ein Mitglied eines Streichquartetts, geschrieben hat das Stück Stockhausen, es ist inzwischen auch auf CD greifbar. Ich bin versucht, Stockhausen eine Suite vorzuschlagen, in der Jets in Hochhäuser fliegen, verwerfe den Gedanken aber als geschmacklos.
 
 
5. Burg Katz am Rhein
 
Nach der Greifvogelschau auf Burg Katz spielen die Vögel noch in einem Stück von Adriana Hölszky mit, nämlich Umsphinxt... ein Rätsel für Raubvögel für 48stimmigen Chor.  Ausgeführt wird das ganze Stück aber ohne Mitwirkung der Vögel vom Kölner Rundfunkchor, der gar keine 48 Mitglieder hat, und das Gekrächze der Vögel zählt ja wohl nicht mit. Nach der Aufführung erwarte ich eigentlich, dass die Vögel sich auf den Chor stürzen, aber der Mann, der sie dressiert, sagt, dass sie fast taub seien.
Erwartet hatte ich das Werk Ach, das Erhabene, betäubte Fragmente für 2 verschränkte Chöre  von Nicolaus A. Huber, aber wie ich später aus Insiderkreisen erfuhr, hatten sich die Chormitglieder geweigert, sich betäuben und erst recht, sich verschränken zu lassen
 
 
6. Koblenz
 
Auf der Zugfahrt nach Koblenz lese ich etwas in der TIMES über englische Komponisten und Dichter. Da hat Peter Ruzicka (der berühmte Komponist solch bahnbrechender Werke wie Metamorphosen über ein Klangfeld von Joseph Haydn/...den Impuls zum Weitersprechen erst empfinge/Abbrüche au ja!)
z.B. sich mit Thomas Tallis befasst (Tallis, Einstrahlungen für Orchester) und Rolf Riehm mit John Donne: Schlaf, schlaf John Donne, schlaf tief und quäl dich nicht für Violine, Bassklarinette, Akkordeon und Keyboard-Zuspielungen. Ob John Donne das beherzigt hat oder ob er nur symbolisch für den Hörer als solchen steht, konnte ich nicht in Erfahrung bringen.
In Koblenz besuche ich einen Prozess, in dem es um Musik geht. Der Anlass war wohl  Zerstören für Ensemble und CD-Zuspielung, im Gerichtssaal aber herrschen  aussageverweigerung  und gegendarstellung. Trotzdem würde es wohl auf  die schönheit des gitters für ensemble  hinauslaufen.
 
 
7. Mainz
 
Beim Besuch des ZDF erzählt mir der Musikredakteur vom Streitgespräch der beiden Komponisten Boulez und Ned Rorem.
Boulez: „Any musician who has not experienced the necessity for the dodekaphonic language is USELESS.“
Rorem: ”Omit the word `not`and I agree!”
Gut gegeben, lachen wir beide, und schon bin ich auf dem Weg nach
 
 
8. Frankfurt
 
Am Main spielt ein einsamer Geiger Rolf Riehms  Der Main. Reisebilder einer unsicheren Emigration, aber niemand bleibt stehen.
Ich bin mit RONDO – Redakteur Matthias Kornemann verabredet und frage ihn ohne Umschweife: „Welche Musik müsste als Folter geächtet werden?“
Kornemann: „Wer spricht von ächten? Ich schlage eine Drei-Stufen-Folter vor. Für kleine Strolche Dixieland, für den Mittelbau die Karelia-Suite von Sibelius; den Erzschurken gebe ich Pierrot lunaire von Schönberg als Endlosband.“
Beglückt stimme ich zu.
Im Frankfurter Zoo ist die Hölle los. Ein Schild am Eingang klärt mich auf:
Jagt die Wölfe zurück für 6 Schlagzeuger  (Adriana Hölszky, die mit den umsphinxten Raubvögeln) ( das kannte ich doch aus Peter und der Wolf).
Aber alles war halb so schlimm, dank der dialogues suffisantes, Porträt einer Kompostion als junger Affe (von Olga Neuwirth).
 
 
9. Donaueschingen
 
Endlich im Mekka der Neuen Musik.
Es ist kalt. Überall liegt  Schnee, 2 Kanons für Ensemble.
Abends gibt es ein Konzert. Nach 2 endlosen Stunden weiß ich: das kann nur würgende Zeit  von Rolf Riehm sein. Ich fordere abbruch, aber Jörg Birkenkötter, der Komponist, meint,  das muss alles noch mal radikal formalisiert werden.
Das finde ich auch und gehe  am nächsten Tag in ein Orgelkonzert mit Werken von Bach, sodass ich fast glaube, es wäre  im Himmelreich für ensemble
von Aldo Clementi.
 
 
10. Wien
 
In Wien bin ich eingeladen zu einem Symposion, das ich mit Spannung erwartet habe. Ich habe den Leiter noch im Ohr:
 
 
             
 
Ich will erst anmerken, dass die zwei Flaschen Wein wohl benötigt würden, um die Musik auszuhalten, lasse es aber.
Ich gehe nach unten und finde mich in der Klosterneuburger Straße wieder, wo eine Gruppe von Musiker auf der Straße tanzt und singt:
 
 
So toll ist die Klosterneuburger Straße eigentlich nicht.
Jetzt habe ich genug. Ich fahre zum Flughafen, um die erste Maschine nach Deutschland zu nehmen. Beim Warten in der Halle  sehe ich im Fernsehen die Übertragung des Konklaves aus Rom, dazu wird Three Screaming Popes  von Mark-Anthony Turnage gespielt.
 
 
11. Rückkehr
 
Ich sitze im Flugzeug und sinniere  dort, doch, auch , nicht, vielleicht (für 13 instrumente  von Elena Mendoza-López).
Da ich jetzt viel Erfahrung habe, mache ich mich daran, ein eigenes Stück zu komponieren. Ich nenne es „...im Wald, von ferne und stillsein“, für obligates Rotkehlchen, 20 Klaviere und 15 Schlagzeuger mit Zuspielungen von Tonband (Radiosendungen).
Es würde ungefähr so aussehen:
Takt 1-10: Rotkehlchen ad libitum.
Takt 11-30: 20 Kinder, die nicht klavierspielen können, spielen auf 20 Klavieren.
Takt 31-40: alle Instrumente tacent, zu hören ist nur das Geschrei der vom Klavier weggezerrten Kinder.
Takt 41-42: Triller/Wirbel aller Instrumente, Tonhöhe beliebig.
Takt 43-70: Radio. Scan-taste und Abspielen der jeweils gewählten Sender.
71-100: tacet, außer Rotkehlchen – Solo, ad libitum.
 
Das Stück gefällt mir gut. Die einzige Schwierigkeit würde darin bestehen, ein williges Rotkehlchen zu finden. Nur den Titel muss ich noch ändern. Kurz vor der Landung in Düsseldorf habe ich ihn:
 
Fraktale 13.